Haussegen

In meinem Leben war einiges nicht in Ordnung. Scheiss Job, schlimme Familiensituation, und mein Geld war weg, weil mein sogenannter Freund Akram mich dazu überredet hatte, bei einem Deal mitzumachen, der uns das finanzielle Genick brach.

Ich war schon immer sehr überrascht gewesen, wie Akram mit Leichtigkeit seine Tage verbrachte. Er kam zur Arbeit, schwatzte mit den Zombies am Kopierer, reparierte völlig funktionierende Telefonanlagen und schleimte sich ganz gut bei den Chefs auf der oberen Etage ein – obwohl es noch nicht mal nötig gewesen wäre. Er erzählte den ganzen Tag von irgendwelchen obskuren Abenteuern, die er angeblich erlebt hatte, von Freunden, von seiner riesigen Familie. Er hatte immer ein Lachen auf den Lippen und lehnte die meiste Zeit, während ich arbeitete, mit dem Rücken zur Wand und schlürfte eine Cola oder sonstiges Limonadenzeug.

Bei mir zu Hause hing der Haussegen komplett schief. Ich war eigentlich nur noch zum Schlafen anwesend, weil ich die Leere ohne meine Schwester kaum ertrug und mein Stiefvater ständig am ausrasten war. Meiner Mutter ging es auch nicht gut. Sie versuchte Tag und Nacht an Geld zu kommen, damit wir meine Schwester wieder aufnehmen konnten, aber es war vergeblich. Das Geld, was ich ihr eigentlich hatte geben wollen, um ihre Schulden zurückzubezahlen, war jetzt weg, und ich umso frustrierter. Aber ich arbeitete eben hart und versuchte mein bestes. Weil das Geld aus dem Callcenter nicht mehr reichte, fragte ich Akram, ob er nicht einen Laden kannte, in dem ich noch nachts arbeiten konnte. So würde ich zum Beispiel Sonntags, wenn ich nur schlief, stattdessen weiterarbeiten um mehr Geld zusammen zu bekommen. Akram versprach mir mit seinem Onkel Khaled zu reden. Er besaß eine Dönerbude nicht weit vom Call Center entfernt.

Akram nahm mich einige Tage später mit. Wir liefen zehn Minuten, in denen Akram ungewöhnlich ruhig war. Als wir am Laden ankamen, blieb Akram stehen und schickte mich alleine rein.

„Ich warte hier draußen.“

„Was? Ich dachte- du wolltest mich doch vorstellen!“

„Ja, habe ich. Aber ich darf nicht reingehen.“

„Wieso?“

„Darf ich nicht.“

„Wieso?“

„Geh jetzt!“.

Akram drehte sich um und lief die Straße runter. Ich ging also in den Laden, wo mich schon der bärtige Onkel Khaled erwartete. Er hantierte gerade mit den Dönerspießen rum. „Steh nicht so rum, Junge, hilf mir!“

Mehr kann man zu diesem Job eigentlich auch gar nicht sagen. Ich hatte ihn. Ich arbeitete nach dem Call Center noch 3 Stunden jeden Abend da und am Wochenende durchgehend. Kein angenehmes Leben, aber Geld. Da ich kaum Ausgaben hatte, konnte ich mir so wieder etwas ansparen.

Als ich am nächsten Tag zur Arbeit (im Call Center) ging, fragte ich Akram noch mal, was los sei. Er blickte mich an, für einige Sekunden. Nahm dann tief Luft und fing an zu erzählen.

Akram wurde von seiner Familie mehr oder weniger verstoßen. Er hatte vor einigen Jahren wohl die Tochter einer Bekannten seiner Eltern geschwängert; diese Tochter wurde dann auch verstoßen. Leider wurde sie so weit weg verstoßen, dass er sich nicht um das Kind kümmern konnte. Die Moslems waren da wohl so. Er sagte, sie habe noch Glück gehabt.

Allerdings war Akrams Familie nicht so begeistert von der Tatsache, dass er rumging und seine männliche Spende tat, also wurde auch er verstoßen. Lediglich sein Onkel sprach noch ab und zu mit ihm, durfte das aber nicht offiziell machen, weil auch er dann seine Reputation aufs Spiel setzte. Akram hatte die ganze Zeit also gelogen. Er wollte zu seinem Kind und zu seiner Familie, wollte heiraten, aber das konnte er nicht, weshalb er diesen Job machte.

Ich wusste, dass wir beide kein einfaches Schicksal hatten. Aber ich verstand nicht wie er das so aushielt, wie er noch lachen konnte.

Daraufhin wieherte er schon wieder los, und klopfte mir hart auf den Rücken.

„Ach, mein Freund, das Leben wäre doch noch viel schlimmer, wenn man sich ständig daran erinnern würde!“

Er hatte recht.

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Missgeschicke

Mein Leben war in einer lethargischen, sehr stupiden, aber effizienten Ordnung. Ich wurde in meinem Job als Call Center Agent (ein sehr hochtrabender Begriff für das Durchblättern von Telefonbüchern und das wahllose Anrufen irgendwelcher Leute um ihnen Lottoscheine zu verkaufen) immer besser, weil ich mir ein raffiniertes System ausgedacht hatte, was die Angerufenen zum Spenden lockte, obwohl es um Lottoscheine ging. Es funktionierte gut, und mit Hilfe von Akram, meinem einzigen Freund in der Höllenfirma, konnte es auch aufrecht erhalten werden. Niemand merkte etwas, und ich sparte mir durch die Provisionen bei Abschlüssen ein bisschen Geld zusammen, um meine Mutter durchbringen zu können und selbst niemals in einer Misere wie ihrer endete.

Versteht mich nicht falsch, ich sah darin nicht die ultimative Karrierechance. Aber für einen Zehntklässler ohne Abschluss hatte ich keine besseren Berufschancen die mir so schnell Geld vermachten. Damals war zwar alles noch in D-Mark, aber bald hatte ich mir umgerechnet 3000 €uro zusammengespart. Erfolgreich machte ich also jeden Tag den gleichen scheiss Job. Ich hatte das Gefühl, dass wir jede Woche die komplette Besatzung bis auf ein paar Ausnahmen auswechselten. Immer wieder kamen Junkies rein, Leute, die sich in der Wirtschaft versuchten, aber sehr offensichtlich an der Nadel hingen oder wohl keinen Platz zum Schlafen fanden. So viele hässliche Menschen auf einem Haufen hat man sonst nirgendswo. Manche konnten kaum Deutsch sprechen, welch wunderbaren Vorraussetzungen für ein Call Center. Und die Leute am Telefon waren klassisch: „MEINE BANKDATEN! ICH GEBE IHNEN DOCH NICHT MEINE BANKDATEN, DANN GEHN SIE DOCH AN DEN AUTOMAT UND HEBEN ALLES AB“, obwohl man nicht mal nach der Kontonummer gefragt hat, geschweige denn der PIN. Oder: „IMMER WOLLEN SIE MIR IRGENDWAS AM TELEFON AUFSCHWATZEN, KÖNN SE DENN HEUTZUTAGE NICH EINFACH MAL VORBEIKOMMEN WENN IHNEN DAS SO WICHTIG IST!“.. äh, ja. Könnte man natürlich auch. Wie viele das überleben würden wäre die andere Frage, ganz abgesehen von der Tatsache dass die meisten schon in diesem Drecksbetrieb nur vegetierten.

Akram, mein guter Freund, der die virtuelle Telefonanlagen reparierte, selbst wenn sie keine Reperatur brauchten (und meistens im Nachhinein erst noch schlimmer dran waren), hatte irgendwann die grandiose Idee, dass wir zusammen ein perfektes Team für einen eigenen Laden wären. Kein Call Center, sondern etwas ganz banales wie einen Kiosk. Ich kannte das Schicksal meiner „Selbstständigen“ Eltern, die in die Privatinsolvenz gehen mussten, weil sie auf eigenen Beinen stehen wollten. Tja, dumm gelaufen. Aber Akram hatte gute Argumente, es doch zu versuchen: Drei Schlägertypen und einen Mafiosi im Hintergrund. Bis heute könnte ich mir diverse Körperteile dafür abhacken, dass ich auch nur daran gedacht habe, mitzumachen. Aber Akram stellte mir diese zwielichten Typen vor, und sie garantierten uns einiges, wenn wir nur einen Mittelpunkt für ihre Geschäfte darstellten. Da ich erst 16 Jahre alt war und wohl kaum in der Lage, mein eigenes Geschäft zu gründen, würde das alles über Akram laufen. Die Typen im Hintergrund würden alles für uns bezahlen, wir hätten nur eine gewisse Eigeninvestition. Kapital wäre schwierig, dachte ich, aber meine 3000 € würden reichen, sagten sie. Akram hatte in etwa genauso viel.

Nach einigen Wochen hatten wir uns komplett auf den Deal geeinigt, einen Vertrag unterschrieben, und im Anschluss daran nie wieder was von den Typen gehört. Samt unserem Geld.

Natürlich glotzte mich der Anwalt, den ich daraufhin aufsuchte (was für ein Bild: Ein kleines Kind mit einem Vertrag der überhaupt nicht auf seinen eigenen Namen läuft will rechtlichen Beistand), erstmal an wie ein Auto. Er überflog den Vertrag und lachte mich daraufhin aus. Der Vertrag sei nichts wert, wir hätten den Typen das Geld quasi geschenkt. Abgesehen davon überzeugte er mich davon, dass diese Mistkerle wahrscheinlich auch noch falsche Namen genutzt hatten.

Egal wie, mein Geld war ich los. Ich raufte mir die Haare aus, ich stürzte mich auf Akram und wollte ihn verprügeln (mein Pech, dass er ungefähr 4 Meter groß war und mich im Prinzip mit dem kleinen Finger abhalten konnte), ich weinte nächtelang ob meiner Dummheit und wurde nur noch depressiver, apathischer, unsozialer. Ich arbeitete noch härter, wenn das irgendwie möglich war, um meinen Fehler gutzumachen, aber ich musste bei Null anfangen.

Auf Akram konnte ich nicht lange böse sein, er war ein gutherziger, wenn auch etwas dummer Mensch, den man nicht verantwortlich machen konnte für Fehler, die man selbst begann. Aber ich wurde umso mehr ein Eigenbrötler, der dem großen, dunkelhaarigen Typen beim Mittagessen von seinen Weibergeschichten zuhörte. Akram schien sich generell nichts aus der Affäre zu machen- für ihn war es eben ein Missgeschick. Das Geld weg, nun ja, konnte passieren. Er arbeitete einfach weiter. Ich wünschte mir oftmals, so zu sein, wie er. Sorglos und unbeschwert.

Bis ich merkte, dass Akram’s Leben gar nicht so unbeschwert war.

Die ultimative Finanzkrise

Nachdem ich also rausgefunden hatte, dass mein Leben von äußeren Umständen – wohlbekannt als „Geld“ – zerstört wurde, fing ich an, mich in die Arbeit zu stürzen. Ich arbeitete, arbeitete, und arbeitete. In kürzester Zeit hatte ich die ersten Telefonbücher durch- wechselte jeden Ort, lernte es, die Leute mit „Spendenaktionen“ zu bezirzen. Immer mehr „Programme“ fielen mir ein, die den Leuten weismachten, sie würden für einen guten Zweck Geld bezahlen. Jede Adresse schrieb ich mir sorgfältig auf, und jeder Adresse schickte ich einen sorgfältig aufgesetzten Brief zu- Danke für Ihre Spende.

Diejenigen, die nicht zu Hause waren, durften sich über ein geschenktes Lottoabo freuen, für das andere bezahlten, denn ich brauchte ja Adressen zum weitergeben. Meine rhetorischen Fähigkeiten wurden immer besser, ich schloß die Verträge immer schneller, aber ich langweilte mich nicht. Ich war völlig konzentriert und konnte mir keine Ablenkung leisten, da ich in jeder Minute an meine kleine Schwester denken musste, und an ihr Schicksal.

So gingen Wochen ins Land. Meine ehemaligen Schulfreunde ruften anfangs noch zu Hause an, aber irgendwann begann ich, sie mit Verachtung zu strafen. Ich sah mein naives Selbst von vor sechs Wochen in ihnen, und hatte keine Lust, mich damit auseinanderzusetzen.

Akram, mein protzender Freund auf der Arbeit, begnügte sich mit einem „nichts“, auf die Frage, was denn mit mir los sei. Es war ihm egal- so lange er mir weiterhin von seinen glorreichen Frauenfeldzügen erzählen konnte, war seine Welt in Ordnung. Er kiffte die meiste Zeit- wenn er nicht gerade irgendwelche A3 Kopierer reparieren musste, oder seinen nackten Hintern kopierte. Wäre ich in einer besseren Laune gewesen, hätte ich das wahrscheinlich amüsant gefunden. Auch die Art, wie er mit Frau Kork flirtete. Abartig, aber er schien sich sehr zu vergnügen, obwohl es offensichtlich war, dass er das nur machte, um weiterhin den Bonus abzubekommen: frischen Kaffee (von dem übrigens auch ich profitierte), kein Gemecker wenn man zu früh nach Hause ging (was bei mir niemals vorkam) und ein generelles In-Ruhe-Gelassen-Werden, während andere die ganze Zeit von der alten Schachtel belagert wurden.

So vergingen die ersten paar Wochen. Wenn ich mein Gehalt bekam, packte ich die Hälfte davon in einen Briefumschlag und steckte ihn meiner Mutter in die Handtasche. Sie wusste wahrscheinlich, dass er von mir war – von wem sonst – aber wenn ich sie sah oder mit ihr redete tat ich so, als würde ich immer noch zur Schule gehen und danach fleißig mit meinen Freunden Hausaufgaben erledigen und dann noch zwei bis drei Stunden bei der Arbeit verbringen.

Mein Leben war herrlich monoton, die Tage verfolgen nur so, während ich mein System perfektionierte. Dabei lernte ich immer mehr Methoden kennen, wie man Leute verarschte. Es hatte nichts mit einer bösen Ader zu tun- ich wollte eben Geld verdienen, und kein vernünftiger Mensch spielte Lotto für solche Preise, ohne etwas zu gewinnen.

Ich war mit Sicherheit nicht glücklich in dieser Zeit, aber ich war gedankenlos, und bemerkte die Leichen in diesem Laden kaum noch, roch nicht mehr den ätzenden Gestank um mich herum, hatte Geldscheine in den Ohren und die Örtlichen auf dem Schoß- ich war der Frank W. Abagnale Jr. des Call Centers.

Bis ich mein bis dahin gespartes Geld – bestimmt 3000 € – durch eine dumme Entscheidung verlor.

Todesfalle

Die Arbeit wurde mit jedem kleinen Erfolg erträglicher, weil ich mir die Hackgesichter der Kollegen nicht zumuten musste. Akram war auch eine Entlastung, aber für einen Sommerjob konnte ich mich prinzipiell sowieso nicht beschweren. Ich hatte noch drei oder vier Tage, bis mein Vertrag ablief. Frau Kork, die Personalleiterin, versuchte immer wieder mich zu einer Vertragsverlängerung zu überreden, weil ich es ja irgendwie schaffte, tatsächlich Geld in die Bude zu bringen. Aber das konnte die sich sparen- ich wollte diesen Sommer wie einen Albtraum von mir abschütteln und freute mich auf meine Freunde, die Schule und endlich wieder Kind sein.

Als ich am vorletzten Tag total fertig nach Hause kam – wieder einen Bonus in der Tasche, weil ich meinen eigenen Tagesrekord an verkauften Lottoscheinen gebrochen hatte – erwartete mich etwas, auf gut Deutsch gesagt, beschissenes. Wie immer waren Mutter und Stiefvater am großen Esstisch in der kleinen Wohnung, und grübelten über Bilanzen, Finanzen, Furz. Ich hatte keine Ahnung davon, wusste aber, dass es nicht optimal lief. Sie hatten sich Selbstständig gemacht und Dienstleistungen für Arbeitslose angeboten. Das Problem dahinter war, glaube ich, die Tatsache dass Arbeitslose kein Geld hatten für Dienstleistungen, aber vielleicht hatte ich da auch was anderes verstanden. Meine kleine Schwester schlief schon in ihrem Bett, dass im Wohnzimmer stand, und ich wollte eigentlich nur in meine kleine Abstellkammer, bevor das Gejammer wegen meiner Arbeitszeiten wieder anfing.

Als ich kurze Zeit später nochmal zur Küche schlappte, um mir eine Flasche Wasser zu holen, fiel mir auf, dass meine kleine Schwester tatsächlich nicht in ihrem Bett lag. Vorsichtig betrat ich das Wohnzimmer.

„Wo ist die Kleine?“, fragte ich die Eltern. Meine Mutter war in Tränen, mein Stiefvater hatten den Arm um ihren Hals gelegt und sah aus, als würde er gleich tot umfallen. Meine Mutter schaute hoch- ich werde diesen Blick wohl niemals vergessen. Er jagte mir einen Schrecken ein, und mein erster Gedanke war, „das ist es wohl, wenn in Horrorfilmen jemand voll abdreht“. Ihre Augen waren leer und kalt und so… desillusioniert, da war nicht mehr die Wärme, die mich als Kind begleitete, nicht mehr das Positive, da war sprichwörtlich gar nichts.

„Sie werden sie uns wegnehmen.“

Meine kleine Schwester wurde im Kindergarten wohl als Missbrauchsfall gemeldet. Im Laufe der Zeit konnten wir das zwar aufklären – sie war leicht unterernährt, weil sich die Eltern nichts mehr leisten konnten; ich hatte das nicht gewusst. Ich hätte ihnen etwas von meinem Verdienst leihen können! Aber das haben sie mir gegenüber nie erwähnt, dass es so schlecht um sie stand. Sie hatten kein Wort gesagt, und ich, ich hatte nur an den Führerschein gedacht. Sie hätten es mir auch gar nicht erzählen können- ich war ja nie da.

Ich will das hier nicht zu einer depremierten Nacherzählung des Untergangs meiner Familie machen, damit hatte ich genug zu kämpfen. Aber irgendwas an dieser Nachricht gab mir den Hass und die Wut auf die Welt, die ich bis heute noch praktisch und leicht auszupacken in mir verstaue. Meine Schwester wurde am nächsten Tag abgeholt, und mir und meinen Eltern wurde es alle zwei Wochen Sonntags erlaubt, sie zu besuchen. Meine Mutter wurde schwer krank, mein Stiefvater – wie alle meine Stiefväter zuvor- fing an zu saufen wie ein Loch. Mein zu Hause war zerstört, und das Geld war schuld.

In dieser Nacht beschloss ich, ich würde meine Familie ab sofort ernähren. Ich ging am nächsten Tag in den Höllenbunker und verlängerte meinen Vertrag. An der Schule meldete ich mich ab- ich hatte keine Zeit und keine Lust auf Bildung.

So fing es also an, meine Festanstellung in diesem Drecksladen. Ich bereue bis heute, wie das alles gelaufen ist, aber ich wurde besser in dem, was ich tat, und ich wurde erfolgreicher. Diese Geschichte möchte ich endlich hier erzählen- nicht, damit niemand den selben Fehler macht. Sondern weil es einfach nichts mehr in meinem Leben gibt, von dem ich sonst erzählen könnte.

Spendenaktionen

Meine Lügerei war erfolgreich. Die Rentner und Mittelständigen dachten, sie würden etwas Gutes tun und spendeten frohen Mutes für meine erdachten Spendenaktionen. Doch nach einigen Tagen gingen die ersten Stornos ein: Die Leute, die die Lottoscheine erwarben, bekamen nämlich eine Bestätigung auf dem Postweg. Das heisst, sie fanden letztendlich doch raus, worum es ging. Nicht alle stornierten, aber es waren genug, um die Finanzabteilung skeptisch zu stimmen. Wegen der Prämie pro Abschluss war auch mein Name immer angezeigt. Ich musste mir also ein neues System ausdenken.

Ich begann damit, dass ich die Adressen der Leute nicht mehr weitergab, sondern mir ausdachte. Die Briefe würden zwar zurückkommen – Empfänger unbekannt – aber immerhin wurde nichts storniert. Die Firma war bedenkenlos genug, um sich nicht darum zu kümmern.

Da ein Spender meistens auch eine Bestätigung – oder ein Dankesschreiben – erwartete, setzte ich meine eigenen Briefe auf. Die Mühe war es mir wert, immerhin hatte ich nur noch 2 Wochen, um gutes Geld zu verdienen und dann abzuhauen. Die Schule würde bald wieder anfangen und dann blieb mir nicht mehr so viel Gelegenheit, einem Nebenjob nachzugehen. Schon gar nicht diesem schrecklichen.

Ich schickte die Briefe mit Hilfe von Akram raus, der in den Büros ein- und ausging, um irgendwelche Reperaturen zu machen. Er klaute Briefmarken aus den Schreibtischen, wir verschickten die Briefe, und er bekam dafür jeden Abend von mir etwas zu essen oder zu trinken ausgegeben.

Es war ein ausgeklügeltes System, und ich fühlte mich besessen von der Idee, noch mehr rauszuholen. Ich telefonierte wie ein Irrer, verbrachte die meiste Zeit in dem Laden, manchmal sogar  von 8 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, so lange, wie die Geschäftszeiten waren. Der Gestank fiel mir kaum noch auf, die Leute konnte ich aus meiner Sicht ausschließen. Frau Kork nervte die anderen- ich war der Superheld des Ladens, brachte jeden Tag mindestens 20 Abschlüsse zustande, schlief kaum noch, weil ich mir immer bessere System ausdenken wollte. Ich sah meine Eltern kaum noch. Ich wurde zu einem Zombie, und egal, wie sehr ich den Bunker hasste, ich brauchte das Geld.

Ich wollte das Geld.

Mir war alles egal.

Lottozahlen

Das Anrufen war eine Qual, vor allem, weil ich nie zum Abschluss kam. Es war schon schwierig genug, die Leute nach 8 Sekunden noch am Telefon zu halten, aber sie auch zum Kauf zu bringen war eine ganz andere Problematik. Manche waren so fair und legten direkt auf, wenn sie genau wussten, ob sie etwas kaufen wollten oder nicht- andere ließen mich stundenlang reden und wollten am Ende doch nicht. Es war ätzend.

Ich telefonierte, Akram reparierte. Es gab gar nicht so viel zu reparieren, aber er wollte Frau Kork aus dem Weg gehen. Dafür hatte ich sie an der Backe kleben- diese hässliche, alte Frau. Ihre Haut hing so ausgeleiert von ihrem Gesicht, dass sie wahrscheinlich sogar ohne Fallschirm einen guten Base Jump hingelegt hätte.  Sie hing mir über der Schulter um darauf zu achten, wie ich telefonierte. Es war nämlich Vorraussetzung, ein paar Abschlüsse zu machen, wenn man nicht gefeuert werden wollte. Im Prinzip wäre es mir auch egal gewesen, aber ich wollte nicht nach Hause gehen ohne genug Geld verdient zu haben. Immerhin hatte ich Pläne, und Aufgeben war keine Option.

Jedenfalls durfte ich sie die meiste Zeit des Tages ertragen. Leider hatten ihre Schulungsmaßnahmen kaum Erfolg, weil sie mir beim Telefonieren ständig ins Ohr gröhlte, was ich sagen soll. Das sah ungefähr so aus:

„Hallo Herr Müller, mein Name ist..“

„DAS HEISST „GUTEN TAG DU KLEINER ROTZEBENGEL!!..“

… meine Multitaskingfähigkeiten wurden in dieser Zeit leider nicht besonderes gefördert. Das ging ein paar Tage so, bis ich einfach das tat, was Akram mir empfiehl, der mit einem Zahnstocher im Mund im Hausflur saß und mal ein bisschen „Pause machte“, was er eigentlich den ganzen Tag machte.

„Alter, du musst dich mal locker machen. Erzähl den Leuten doch einfach irgendwas anderes!“

„Wie, was anderes?“

„Naja, erzähl ihnen, dass du.. Spenden sammelst oder was auch immer.. ist doch scheiss egal.“

Meine Skrupel waren groß. Ich dachte, es würde auch so gehen, ohne zu Lügen. Aber nach noch einigen Tagen mit Frau Kork im Nacken hatte ich die Schnauze voll. Eines Morgens stampfte ich an meinen Platz, nahm das Telefon und säuselte den Leuten irgendwas ins Ohr. An diesem Tag hatte ich 12 Abschlüsse. Zwölf Leute, die Lottoscheine gekauft hatten, ohne es zu wissen. Es war das Optimum. Frau Kork erfuhr dies natürlich, als das Geld ein paar Tage später auf das Firmenkonto einging. Ich wurde zum Held der Woche gekürt, ein Preis, der nur wegen mir eingeführt wurde, denn der Durchschnitt an Abschlüssen lag pro Telefonierer bei 4 pro Tag.

Akram wusste bescheid, ich hatte ein mega schlechtes Gewissen, und konnte mich nur damit aufheitern, dass ich in weniger als einer Woche hier raus wäre. Aber wenigstens hatte ich so lange einen Job, und gutes Geld, plus Provision. Mir ging es gut – trotz der schrecklichen Menschen, die mich umgaben.

Akram

Hätte ich Akram unter anderen Umständen kennen gelernt, wären wir wahrscheinlich niemals in Kontakt zueinander getreten. Aber im Todesbunker musste man sich mit dem zufrieden geben, was angeboten wurde- und das war nicht viel. Im Vergleich zu den anderen war Akram ein Engel, der mir erschienen ist, damit ich meinen Suizid um jeden Tag noch einmal aufschiebe.

Aber ich war arrogant. Akram war Türke, und ich hatte nie etwas mit Türken zu tun gehabt. Meine Freunde bestanden alle aus Bleichgesichtern mit Brille und Zukunft, auf dem Weg in der gymnasiale Oberstufe. Wir wussten nur, das Türken arbeitslos waren, stanken, in die Hauptschule gingen, ihre Frauen schlugen und später als Säufer unter S-Bahn-Brücken landeten. Akram machte leider auch keinen besseren Eindruck als meine Vorurteile mir diktierten. Ob er stank, weiß ich allerdings nicht, der Geruch im ganzen Gebäude stand in einem dominierenden Verhältnis zu jedem noch so guten Riechsinn.

Akram sah gut aus, glaube ich. Als Mann will man sowas nicht einschätzen. Aber alle Frauen im Laden mochten ihn sehr, auch wenn er ungebildet war, und nur Hauptschule gemacht hatte, und Lumpen anzog- viel zu große Klamotten. Seine Haare waren fettig und er war nie richtig gut rasiert. Überhaupt, dieser Typ war nur einige Jahre, und während ich jede einzelne Stoppel mit einem Altar beehrte, war Akram der behaarteste Jugendliche, den ich je kennen gelernt hatte.

Akram reparierte die meiste Zeit die Telefonanlagen, ohne sie wirklich zu reparieren. Er tat lediglich nur so, um nicht die Aufmerksamkeit von Frau Kork auf sich zu ziehen, die ihn gerne mit ihren langen Fingernägel betatschte, und sich immer extra stark mit Parfüm eindeckte, wenn Akram in der Nähe war. So hatte ich jedenfalls das Gefühl.

Doch egal, wie sehr ich zögerte, mich mit Akram anzufreunden (von Freundschaft kann erstmal gar keine Rede gewesen sein; wir aßen lediglich unsere Brote zusammen im Hausflur, wo es kühler war als in der tropischen Hochsommerhitze draußen, und besser auszuhalten als im Gestank des Betriebes), irgendwann sehnte ich mich in den Schichten (8 Stunden) nach ein bisschen menschlicher Kommunikation. Das Telefonieren konnte man nicht als menschlich ansehen, die Omas und Opas, die meistens antworteten, hatten es sich zum Lebensziel gemacht, zu nörgeln und zu schreien, sobald man was von Lotto erwähnte.

Akram erzählte immer sehr viel Müll. Davon, wie viele Weiber er abschleppte, dass er mit Drogen handelt und deshalb schon mal im Jugendknast saß und dass für einen Kumpel mal eine Kugel gefangen hätte. Am Anfang hatte ich ein bisschen Mitleid, weil ich dachte, dass er bestimmt aus einer schlimmen Familie kam, und deshalb so ein notorischer Lügner war. Irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass meine Kindheit auch nicht die schönste war- Vater tot mir 3 Jahren, ich im Krankenhaus mit zehntausend Lungenentzündungen, Mutter musste sich prostituieren, bis sie dann endlich heiratete, Stiefvater war ein Arschloch und Säufer, sie ließ sich scheiden, hat endlich ein bisschen Arbeit gefunden, neu geheiratet, haben sich Selbstständig gemacht, und jetzt waren sie am Pleite machen.

Eigentlich hatte es Akram viel, viel besser als ich. Aber ich war jung- ich sah nur, dass er Türke war, und später mal als Asozialer enden würde, während ich erfolgreich mit meinem BMW an seinem Randviertel vorbeidüsen würde. Oh, was freute ich mich auf den BMW, und was freute ich mich darauf, nicht mehr von komischen Menschen umgeben zu sein, sondern auf eine neue Schule zu gehen, mit coolen Leuten, die gebildet waren. Noch 3 Wochen sollten es sein.