Akram

Hätte ich Akram unter anderen Umständen kennen gelernt, wären wir wahrscheinlich niemals in Kontakt zueinander getreten. Aber im Todesbunker musste man sich mit dem zufrieden geben, was angeboten wurde- und das war nicht viel. Im Vergleich zu den anderen war Akram ein Engel, der mir erschienen ist, damit ich meinen Suizid um jeden Tag noch einmal aufschiebe.

Aber ich war arrogant. Akram war Türke, und ich hatte nie etwas mit Türken zu tun gehabt. Meine Freunde bestanden alle aus Bleichgesichtern mit Brille und Zukunft, auf dem Weg in der gymnasiale Oberstufe. Wir wussten nur, das Türken arbeitslos waren, stanken, in die Hauptschule gingen, ihre Frauen schlugen und später als Säufer unter S-Bahn-Brücken landeten. Akram machte leider auch keinen besseren Eindruck als meine Vorurteile mir diktierten. Ob er stank, weiß ich allerdings nicht, der Geruch im ganzen Gebäude stand in einem dominierenden Verhältnis zu jedem noch so guten Riechsinn.

Akram sah gut aus, glaube ich. Als Mann will man sowas nicht einschätzen. Aber alle Frauen im Laden mochten ihn sehr, auch wenn er ungebildet war, und nur Hauptschule gemacht hatte, und Lumpen anzog- viel zu große Klamotten. Seine Haare waren fettig und er war nie richtig gut rasiert. Überhaupt, dieser Typ war nur einige Jahre, und während ich jede einzelne Stoppel mit einem Altar beehrte, war Akram der behaarteste Jugendliche, den ich je kennen gelernt hatte.

Akram reparierte die meiste Zeit die Telefonanlagen, ohne sie wirklich zu reparieren. Er tat lediglich nur so, um nicht die Aufmerksamkeit von Frau Kork auf sich zu ziehen, die ihn gerne mit ihren langen Fingernägel betatschte, und sich immer extra stark mit Parfüm eindeckte, wenn Akram in der Nähe war. So hatte ich jedenfalls das Gefühl.

Doch egal, wie sehr ich zögerte, mich mit Akram anzufreunden (von Freundschaft kann erstmal gar keine Rede gewesen sein; wir aßen lediglich unsere Brote zusammen im Hausflur, wo es kühler war als in der tropischen Hochsommerhitze draußen, und besser auszuhalten als im Gestank des Betriebes), irgendwann sehnte ich mich in den Schichten (8 Stunden) nach ein bisschen menschlicher Kommunikation. Das Telefonieren konnte man nicht als menschlich ansehen, die Omas und Opas, die meistens antworteten, hatten es sich zum Lebensziel gemacht, zu nörgeln und zu schreien, sobald man was von Lotto erwähnte.

Akram erzählte immer sehr viel Müll. Davon, wie viele Weiber er abschleppte, dass er mit Drogen handelt und deshalb schon mal im Jugendknast saß und dass für einen Kumpel mal eine Kugel gefangen hätte. Am Anfang hatte ich ein bisschen Mitleid, weil ich dachte, dass er bestimmt aus einer schlimmen Familie kam, und deshalb so ein notorischer Lügner war. Irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass meine Kindheit auch nicht die schönste war- Vater tot mir 3 Jahren, ich im Krankenhaus mit zehntausend Lungenentzündungen, Mutter musste sich prostituieren, bis sie dann endlich heiratete, Stiefvater war ein Arschloch und Säufer, sie ließ sich scheiden, hat endlich ein bisschen Arbeit gefunden, neu geheiratet, haben sich Selbstständig gemacht, und jetzt waren sie am Pleite machen.

Eigentlich hatte es Akram viel, viel besser als ich. Aber ich war jung- ich sah nur, dass er Türke war, und später mal als Asozialer enden würde, während ich erfolgreich mit meinem BMW an seinem Randviertel vorbeidüsen würde. Oh, was freute ich mich auf den BMW, und was freute ich mich darauf, nicht mehr von komischen Menschen umgeben zu sein, sondern auf eine neue Schule zu gehen, mit coolen Leuten, die gebildet waren. Noch 3 Wochen sollten es sein.

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