Lottozahlen

Das Anrufen war eine Qual, vor allem, weil ich nie zum Abschluss kam. Es war schon schwierig genug, die Leute nach 8 Sekunden noch am Telefon zu halten, aber sie auch zum Kauf zu bringen war eine ganz andere Problematik. Manche waren so fair und legten direkt auf, wenn sie genau wussten, ob sie etwas kaufen wollten oder nicht- andere ließen mich stundenlang reden und wollten am Ende doch nicht. Es war ätzend.

Ich telefonierte, Akram reparierte. Es gab gar nicht so viel zu reparieren, aber er wollte Frau Kork aus dem Weg gehen. Dafür hatte ich sie an der Backe kleben- diese hässliche, alte Frau. Ihre Haut hing so ausgeleiert von ihrem Gesicht, dass sie wahrscheinlich sogar ohne Fallschirm einen guten Base Jump hingelegt hätte.  Sie hing mir über der Schulter um darauf zu achten, wie ich telefonierte. Es war nämlich Vorraussetzung, ein paar Abschlüsse zu machen, wenn man nicht gefeuert werden wollte. Im Prinzip wäre es mir auch egal gewesen, aber ich wollte nicht nach Hause gehen ohne genug Geld verdient zu haben. Immerhin hatte ich Pläne, und Aufgeben war keine Option.

Jedenfalls durfte ich sie die meiste Zeit des Tages ertragen. Leider hatten ihre Schulungsmaßnahmen kaum Erfolg, weil sie mir beim Telefonieren ständig ins Ohr gröhlte, was ich sagen soll. Das sah ungefähr so aus:

„Hallo Herr Müller, mein Name ist..“

„DAS HEISST „GUTEN TAG DU KLEINER ROTZEBENGEL!!..“

… meine Multitaskingfähigkeiten wurden in dieser Zeit leider nicht besonderes gefördert. Das ging ein paar Tage so, bis ich einfach das tat, was Akram mir empfiehl, der mit einem Zahnstocher im Mund im Hausflur saß und mal ein bisschen „Pause machte“, was er eigentlich den ganzen Tag machte.

„Alter, du musst dich mal locker machen. Erzähl den Leuten doch einfach irgendwas anderes!“

„Wie, was anderes?“

„Naja, erzähl ihnen, dass du.. Spenden sammelst oder was auch immer.. ist doch scheiss egal.“

Meine Skrupel waren groß. Ich dachte, es würde auch so gehen, ohne zu Lügen. Aber nach noch einigen Tagen mit Frau Kork im Nacken hatte ich die Schnauze voll. Eines Morgens stampfte ich an meinen Platz, nahm das Telefon und säuselte den Leuten irgendwas ins Ohr. An diesem Tag hatte ich 12 Abschlüsse. Zwölf Leute, die Lottoscheine gekauft hatten, ohne es zu wissen. Es war das Optimum. Frau Kork erfuhr dies natürlich, als das Geld ein paar Tage später auf das Firmenkonto einging. Ich wurde zum Held der Woche gekürt, ein Preis, der nur wegen mir eingeführt wurde, denn der Durchschnitt an Abschlüssen lag pro Telefonierer bei 4 pro Tag.

Akram wusste bescheid, ich hatte ein mega schlechtes Gewissen, und konnte mich nur damit aufheitern, dass ich in weniger als einer Woche hier raus wäre. Aber wenigstens hatte ich so lange einen Job, und gutes Geld, plus Provision. Mir ging es gut – trotz der schrecklichen Menschen, die mich umgaben.

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