Todesfalle

Die Arbeit wurde mit jedem kleinen Erfolg erträglicher, weil ich mir die Hackgesichter der Kollegen nicht zumuten musste. Akram war auch eine Entlastung, aber für einen Sommerjob konnte ich mich prinzipiell sowieso nicht beschweren. Ich hatte noch drei oder vier Tage, bis mein Vertrag ablief. Frau Kork, die Personalleiterin, versuchte immer wieder mich zu einer Vertragsverlängerung zu überreden, weil ich es ja irgendwie schaffte, tatsächlich Geld in die Bude zu bringen. Aber das konnte die sich sparen- ich wollte diesen Sommer wie einen Albtraum von mir abschütteln und freute mich auf meine Freunde, die Schule und endlich wieder Kind sein.

Als ich am vorletzten Tag total fertig nach Hause kam – wieder einen Bonus in der Tasche, weil ich meinen eigenen Tagesrekord an verkauften Lottoscheinen gebrochen hatte – erwartete mich etwas, auf gut Deutsch gesagt, beschissenes. Wie immer waren Mutter und Stiefvater am großen Esstisch in der kleinen Wohnung, und grübelten über Bilanzen, Finanzen, Furz. Ich hatte keine Ahnung davon, wusste aber, dass es nicht optimal lief. Sie hatten sich Selbstständig gemacht und Dienstleistungen für Arbeitslose angeboten. Das Problem dahinter war, glaube ich, die Tatsache dass Arbeitslose kein Geld hatten für Dienstleistungen, aber vielleicht hatte ich da auch was anderes verstanden. Meine kleine Schwester schlief schon in ihrem Bett, dass im Wohnzimmer stand, und ich wollte eigentlich nur in meine kleine Abstellkammer, bevor das Gejammer wegen meiner Arbeitszeiten wieder anfing.

Als ich kurze Zeit später nochmal zur Küche schlappte, um mir eine Flasche Wasser zu holen, fiel mir auf, dass meine kleine Schwester tatsächlich nicht in ihrem Bett lag. Vorsichtig betrat ich das Wohnzimmer.

„Wo ist die Kleine?“, fragte ich die Eltern. Meine Mutter war in Tränen, mein Stiefvater hatten den Arm um ihren Hals gelegt und sah aus, als würde er gleich tot umfallen. Meine Mutter schaute hoch- ich werde diesen Blick wohl niemals vergessen. Er jagte mir einen Schrecken ein, und mein erster Gedanke war, „das ist es wohl, wenn in Horrorfilmen jemand voll abdreht“. Ihre Augen waren leer und kalt und so… desillusioniert, da war nicht mehr die Wärme, die mich als Kind begleitete, nicht mehr das Positive, da war sprichwörtlich gar nichts.

„Sie werden sie uns wegnehmen.“

Meine kleine Schwester wurde im Kindergarten wohl als Missbrauchsfall gemeldet. Im Laufe der Zeit konnten wir das zwar aufklären – sie war leicht unterernährt, weil sich die Eltern nichts mehr leisten konnten; ich hatte das nicht gewusst. Ich hätte ihnen etwas von meinem Verdienst leihen können! Aber das haben sie mir gegenüber nie erwähnt, dass es so schlecht um sie stand. Sie hatten kein Wort gesagt, und ich, ich hatte nur an den Führerschein gedacht. Sie hätten es mir auch gar nicht erzählen können- ich war ja nie da.

Ich will das hier nicht zu einer depremierten Nacherzählung des Untergangs meiner Familie machen, damit hatte ich genug zu kämpfen. Aber irgendwas an dieser Nachricht gab mir den Hass und die Wut auf die Welt, die ich bis heute noch praktisch und leicht auszupacken in mir verstaue. Meine Schwester wurde am nächsten Tag abgeholt, und mir und meinen Eltern wurde es alle zwei Wochen Sonntags erlaubt, sie zu besuchen. Meine Mutter wurde schwer krank, mein Stiefvater – wie alle meine Stiefväter zuvor- fing an zu saufen wie ein Loch. Mein zu Hause war zerstört, und das Geld war schuld.

In dieser Nacht beschloss ich, ich würde meine Familie ab sofort ernähren. Ich ging am nächsten Tag in den Höllenbunker und verlängerte meinen Vertrag. An der Schule meldete ich mich ab- ich hatte keine Zeit und keine Lust auf Bildung.

So fing es also an, meine Festanstellung in diesem Drecksladen. Ich bereue bis heute, wie das alles gelaufen ist, aber ich wurde besser in dem, was ich tat, und ich wurde erfolgreicher. Diese Geschichte möchte ich endlich hier erzählen- nicht, damit niemand den selben Fehler macht. Sondern weil es einfach nichts mehr in meinem Leben gibt, von dem ich sonst erzählen könnte.

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2 Antworten zu “Todesfalle

  1. Hey, super Blog, spannende Story.

  2. Na, na, na !
    Du kannst bestimmt noch viel erzählen, nur oft kann man ja die „Komik“ einer Situation oder ein Erlebnis gar nicht so schön, lustig, dramatisch ect. schildern, wie es war.

    So ähnlich „blöd“ war meine Mutter auch, vllt. wollte man Dich und mich nur nicht belasten mit Problemen. Bei mir wußten „alle“ Kumpels von den Problemen und ich nicht. Zu dieser Zeit zu meinem AG zu gehen und auch ohne Wiedereinstellungsvertrag einen neuen zu bekommen, wäre wohl nur ein Weg für mich zu meinem letzten Chef gewesen.
    Du „arme Sau“ mußt in einem Callcenter arbeiten ??? Hoffentlich ein halbwegs seriöses. Soll es ja geben. Und deine Eltern hätten besser Dienstleistungen für Beruftätige angeboten. Parkpickerl besorgen und so. Oft fehlt es aber am Anfangskapital für andere Selbstständigkeiten und viele Berufstätige haben es ja auch nicht gerade dick auf der Tasche.
    Wegen so Fällen, welche du schilderst bin ich für Mindestlöhne und Begrenzung von exorbitanten
    „aufwandsentschädigungen“ ect.
    Wenn du richtige Bücher liest und Sendungen schaust kannste Dich auch bilden und die deutsche Sprache beherrschst du doch schon ganz gut.
    Du schaffst das schon. Mußt du. Müssen wir alle.

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