Missgeschicke

Mein Leben war in einer lethargischen, sehr stupiden, aber effizienten Ordnung. Ich wurde in meinem Job als Call Center Agent (ein sehr hochtrabender Begriff für das Durchblättern von Telefonbüchern und das wahllose Anrufen irgendwelcher Leute um ihnen Lottoscheine zu verkaufen) immer besser, weil ich mir ein raffiniertes System ausgedacht hatte, was die Angerufenen zum Spenden lockte, obwohl es um Lottoscheine ging. Es funktionierte gut, und mit Hilfe von Akram, meinem einzigen Freund in der Höllenfirma, konnte es auch aufrecht erhalten werden. Niemand merkte etwas, und ich sparte mir durch die Provisionen bei Abschlüssen ein bisschen Geld zusammen, um meine Mutter durchbringen zu können und selbst niemals in einer Misere wie ihrer endete.

Versteht mich nicht falsch, ich sah darin nicht die ultimative Karrierechance. Aber für einen Zehntklässler ohne Abschluss hatte ich keine besseren Berufschancen die mir so schnell Geld vermachten. Damals war zwar alles noch in D-Mark, aber bald hatte ich mir umgerechnet 3000 €uro zusammengespart. Erfolgreich machte ich also jeden Tag den gleichen scheiss Job. Ich hatte das Gefühl, dass wir jede Woche die komplette Besatzung bis auf ein paar Ausnahmen auswechselten. Immer wieder kamen Junkies rein, Leute, die sich in der Wirtschaft versuchten, aber sehr offensichtlich an der Nadel hingen oder wohl keinen Platz zum Schlafen fanden. So viele hässliche Menschen auf einem Haufen hat man sonst nirgendswo. Manche konnten kaum Deutsch sprechen, welch wunderbaren Vorraussetzungen für ein Call Center. Und die Leute am Telefon waren klassisch: „MEINE BANKDATEN! ICH GEBE IHNEN DOCH NICHT MEINE BANKDATEN, DANN GEHN SIE DOCH AN DEN AUTOMAT UND HEBEN ALLES AB“, obwohl man nicht mal nach der Kontonummer gefragt hat, geschweige denn der PIN. Oder: „IMMER WOLLEN SIE MIR IRGENDWAS AM TELEFON AUFSCHWATZEN, KÖNN SE DENN HEUTZUTAGE NICH EINFACH MAL VORBEIKOMMEN WENN IHNEN DAS SO WICHTIG IST!“.. äh, ja. Könnte man natürlich auch. Wie viele das überleben würden wäre die andere Frage, ganz abgesehen von der Tatsache dass die meisten schon in diesem Drecksbetrieb nur vegetierten.

Akram, mein guter Freund, der die virtuelle Telefonanlagen reparierte, selbst wenn sie keine Reperatur brauchten (und meistens im Nachhinein erst noch schlimmer dran waren), hatte irgendwann die grandiose Idee, dass wir zusammen ein perfektes Team für einen eigenen Laden wären. Kein Call Center, sondern etwas ganz banales wie einen Kiosk. Ich kannte das Schicksal meiner „Selbstständigen“ Eltern, die in die Privatinsolvenz gehen mussten, weil sie auf eigenen Beinen stehen wollten. Tja, dumm gelaufen. Aber Akram hatte gute Argumente, es doch zu versuchen: Drei Schlägertypen und einen Mafiosi im Hintergrund. Bis heute könnte ich mir diverse Körperteile dafür abhacken, dass ich auch nur daran gedacht habe, mitzumachen. Aber Akram stellte mir diese zwielichten Typen vor, und sie garantierten uns einiges, wenn wir nur einen Mittelpunkt für ihre Geschäfte darstellten. Da ich erst 16 Jahre alt war und wohl kaum in der Lage, mein eigenes Geschäft zu gründen, würde das alles über Akram laufen. Die Typen im Hintergrund würden alles für uns bezahlen, wir hätten nur eine gewisse Eigeninvestition. Kapital wäre schwierig, dachte ich, aber meine 3000 € würden reichen, sagten sie. Akram hatte in etwa genauso viel.

Nach einigen Wochen hatten wir uns komplett auf den Deal geeinigt, einen Vertrag unterschrieben, und im Anschluss daran nie wieder was von den Typen gehört. Samt unserem Geld.

Natürlich glotzte mich der Anwalt, den ich daraufhin aufsuchte (was für ein Bild: Ein kleines Kind mit einem Vertrag der überhaupt nicht auf seinen eigenen Namen läuft will rechtlichen Beistand), erstmal an wie ein Auto. Er überflog den Vertrag und lachte mich daraufhin aus. Der Vertrag sei nichts wert, wir hätten den Typen das Geld quasi geschenkt. Abgesehen davon überzeugte er mich davon, dass diese Mistkerle wahrscheinlich auch noch falsche Namen genutzt hatten.

Egal wie, mein Geld war ich los. Ich raufte mir die Haare aus, ich stürzte mich auf Akram und wollte ihn verprügeln (mein Pech, dass er ungefähr 4 Meter groß war und mich im Prinzip mit dem kleinen Finger abhalten konnte), ich weinte nächtelang ob meiner Dummheit und wurde nur noch depressiver, apathischer, unsozialer. Ich arbeitete noch härter, wenn das irgendwie möglich war, um meinen Fehler gutzumachen, aber ich musste bei Null anfangen.

Auf Akram konnte ich nicht lange böse sein, er war ein gutherziger, wenn auch etwas dummer Mensch, den man nicht verantwortlich machen konnte für Fehler, die man selbst begann. Aber ich wurde umso mehr ein Eigenbrötler, der dem großen, dunkelhaarigen Typen beim Mittagessen von seinen Weibergeschichten zuhörte. Akram schien sich generell nichts aus der Affäre zu machen- für ihn war es eben ein Missgeschick. Das Geld weg, nun ja, konnte passieren. Er arbeitete einfach weiter. Ich wünschte mir oftmals, so zu sein, wie er. Sorglos und unbeschwert.

Bis ich merkte, dass Akram’s Leben gar nicht so unbeschwert war.

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5 Antworten zu “Missgeschicke

  1. Sehr schön, sehr schön !
    Du hast einen Leser. Weitere Kommentare erspare ich mir wahrscheinlich, aber ab und zu lese ich hier weiter.
    Das mit dem „Hoffentlich halbwegs seriösen“ ect. hat sich natürlich kurz nach dem letzen „Senden“ geklärt.

  2. Danke für dein Interesse. Seriös ist wohl das falscheste Wort für diesen Betrieb, den man sich vorstellen kann. Am besten fängst du da mit dem ersten Beitrag an, wenn es dich interessiert, „wie seriös“ der ist..

    Ich versuche das ganze auch eher wie einen Roman aussehen zu lassen, aber ich bin noch neu in der Bloggersache. Kannst du mir da vielleicht helfen?

  3. Nein leider nicht ! Selber „Newbi“ und versuche ein Buch am schreiben, macht ja heutzutage jeder „Hanswurst“ .
    Habe ich direkt nach dem senden ja gemacht, weil mir das Schicksal anderer nicht egal ist. 🙂
    Bin mehr so ein Akrimtyp von der Lebenseinstellung her.

    Im moment lasse ich mich von Dir inspirieren 😉

  4. Ey, wann gehts denn weiter ? Hier für Dich. Du kannst Dein Gewissen beruhigen, weil du die richtige Idee in die Tat umsetzt.
    [http://www.youtube.com/watch?v=STpO_YwBjmY&feature=related]

  5. Haha, danke!

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