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Haussegen

In meinem Leben war einiges nicht in Ordnung. Scheiss Job, schlimme Familiensituation, und mein Geld war weg, weil mein sogenannter Freund Akram mich dazu überredet hatte, bei einem Deal mitzumachen, der uns das finanzielle Genick brach.

Ich war schon immer sehr überrascht gewesen, wie Akram mit Leichtigkeit seine Tage verbrachte. Er kam zur Arbeit, schwatzte mit den Zombies am Kopierer, reparierte völlig funktionierende Telefonanlagen und schleimte sich ganz gut bei den Chefs auf der oberen Etage ein – obwohl es noch nicht mal nötig gewesen wäre. Er erzählte den ganzen Tag von irgendwelchen obskuren Abenteuern, die er angeblich erlebt hatte, von Freunden, von seiner riesigen Familie. Er hatte immer ein Lachen auf den Lippen und lehnte die meiste Zeit, während ich arbeitete, mit dem Rücken zur Wand und schlürfte eine Cola oder sonstiges Limonadenzeug.

Bei mir zu Hause hing der Haussegen komplett schief. Ich war eigentlich nur noch zum Schlafen anwesend, weil ich die Leere ohne meine Schwester kaum ertrug und mein Stiefvater ständig am ausrasten war. Meiner Mutter ging es auch nicht gut. Sie versuchte Tag und Nacht an Geld zu kommen, damit wir meine Schwester wieder aufnehmen konnten, aber es war vergeblich. Das Geld, was ich ihr eigentlich hatte geben wollen, um ihre Schulden zurückzubezahlen, war jetzt weg, und ich umso frustrierter. Aber ich arbeitete eben hart und versuchte mein bestes. Weil das Geld aus dem Callcenter nicht mehr reichte, fragte ich Akram, ob er nicht einen Laden kannte, in dem ich noch nachts arbeiten konnte. So würde ich zum Beispiel Sonntags, wenn ich nur schlief, stattdessen weiterarbeiten um mehr Geld zusammen zu bekommen. Akram versprach mir mit seinem Onkel Khaled zu reden. Er besaß eine Dönerbude nicht weit vom Call Center entfernt.

Akram nahm mich einige Tage später mit. Wir liefen zehn Minuten, in denen Akram ungewöhnlich ruhig war. Als wir am Laden ankamen, blieb Akram stehen und schickte mich alleine rein.

„Ich warte hier draußen.“

„Was? Ich dachte- du wolltest mich doch vorstellen!“

„Ja, habe ich. Aber ich darf nicht reingehen.“

„Wieso?“

„Darf ich nicht.“

„Wieso?“

„Geh jetzt!“.

Akram drehte sich um und lief die Straße runter. Ich ging also in den Laden, wo mich schon der bärtige Onkel Khaled erwartete. Er hantierte gerade mit den Dönerspießen rum. „Steh nicht so rum, Junge, hilf mir!“

Mehr kann man zu diesem Job eigentlich auch gar nicht sagen. Ich hatte ihn. Ich arbeitete nach dem Call Center noch 3 Stunden jeden Abend da und am Wochenende durchgehend. Kein angenehmes Leben, aber Geld. Da ich kaum Ausgaben hatte, konnte ich mir so wieder etwas ansparen.

Als ich am nächsten Tag zur Arbeit (im Call Center) ging, fragte ich Akram noch mal, was los sei. Er blickte mich an, für einige Sekunden. Nahm dann tief Luft und fing an zu erzählen.

Akram wurde von seiner Familie mehr oder weniger verstoßen. Er hatte vor einigen Jahren wohl die Tochter einer Bekannten seiner Eltern geschwängert; diese Tochter wurde dann auch verstoßen. Leider wurde sie so weit weg verstoßen, dass er sich nicht um das Kind kümmern konnte. Die Moslems waren da wohl so. Er sagte, sie habe noch Glück gehabt.

Allerdings war Akrams Familie nicht so begeistert von der Tatsache, dass er rumging und seine männliche Spende tat, also wurde auch er verstoßen. Lediglich sein Onkel sprach noch ab und zu mit ihm, durfte das aber nicht offiziell machen, weil auch er dann seine Reputation aufs Spiel setzte. Akram hatte die ganze Zeit also gelogen. Er wollte zu seinem Kind und zu seiner Familie, wollte heiraten, aber das konnte er nicht, weshalb er diesen Job machte.

Ich wusste, dass wir beide kein einfaches Schicksal hatten. Aber ich verstand nicht wie er das so aushielt, wie er noch lachen konnte.

Daraufhin wieherte er schon wieder los, und klopfte mir hart auf den Rücken.

„Ach, mein Freund, das Leben wäre doch noch viel schlimmer, wenn man sich ständig daran erinnern würde!“

Er hatte recht.

Missgeschicke

Mein Leben war in einer lethargischen, sehr stupiden, aber effizienten Ordnung. Ich wurde in meinem Job als Call Center Agent (ein sehr hochtrabender Begriff für das Durchblättern von Telefonbüchern und das wahllose Anrufen irgendwelcher Leute um ihnen Lottoscheine zu verkaufen) immer besser, weil ich mir ein raffiniertes System ausgedacht hatte, was die Angerufenen zum Spenden lockte, obwohl es um Lottoscheine ging. Es funktionierte gut, und mit Hilfe von Akram, meinem einzigen Freund in der Höllenfirma, konnte es auch aufrecht erhalten werden. Niemand merkte etwas, und ich sparte mir durch die Provisionen bei Abschlüssen ein bisschen Geld zusammen, um meine Mutter durchbringen zu können und selbst niemals in einer Misere wie ihrer endete.

Versteht mich nicht falsch, ich sah darin nicht die ultimative Karrierechance. Aber für einen Zehntklässler ohne Abschluss hatte ich keine besseren Berufschancen die mir so schnell Geld vermachten. Damals war zwar alles noch in D-Mark, aber bald hatte ich mir umgerechnet 3000 €uro zusammengespart. Erfolgreich machte ich also jeden Tag den gleichen scheiss Job. Ich hatte das Gefühl, dass wir jede Woche die komplette Besatzung bis auf ein paar Ausnahmen auswechselten. Immer wieder kamen Junkies rein, Leute, die sich in der Wirtschaft versuchten, aber sehr offensichtlich an der Nadel hingen oder wohl keinen Platz zum Schlafen fanden. So viele hässliche Menschen auf einem Haufen hat man sonst nirgendswo. Manche konnten kaum Deutsch sprechen, welch wunderbaren Vorraussetzungen für ein Call Center. Und die Leute am Telefon waren klassisch: „MEINE BANKDATEN! ICH GEBE IHNEN DOCH NICHT MEINE BANKDATEN, DANN GEHN SIE DOCH AN DEN AUTOMAT UND HEBEN ALLES AB“, obwohl man nicht mal nach der Kontonummer gefragt hat, geschweige denn der PIN. Oder: „IMMER WOLLEN SIE MIR IRGENDWAS AM TELEFON AUFSCHWATZEN, KÖNN SE DENN HEUTZUTAGE NICH EINFACH MAL VORBEIKOMMEN WENN IHNEN DAS SO WICHTIG IST!“.. äh, ja. Könnte man natürlich auch. Wie viele das überleben würden wäre die andere Frage, ganz abgesehen von der Tatsache dass die meisten schon in diesem Drecksbetrieb nur vegetierten.

Akram, mein guter Freund, der die virtuelle Telefonanlagen reparierte, selbst wenn sie keine Reperatur brauchten (und meistens im Nachhinein erst noch schlimmer dran waren), hatte irgendwann die grandiose Idee, dass wir zusammen ein perfektes Team für einen eigenen Laden wären. Kein Call Center, sondern etwas ganz banales wie einen Kiosk. Ich kannte das Schicksal meiner „Selbstständigen“ Eltern, die in die Privatinsolvenz gehen mussten, weil sie auf eigenen Beinen stehen wollten. Tja, dumm gelaufen. Aber Akram hatte gute Argumente, es doch zu versuchen: Drei Schlägertypen und einen Mafiosi im Hintergrund. Bis heute könnte ich mir diverse Körperteile dafür abhacken, dass ich auch nur daran gedacht habe, mitzumachen. Aber Akram stellte mir diese zwielichten Typen vor, und sie garantierten uns einiges, wenn wir nur einen Mittelpunkt für ihre Geschäfte darstellten. Da ich erst 16 Jahre alt war und wohl kaum in der Lage, mein eigenes Geschäft zu gründen, würde das alles über Akram laufen. Die Typen im Hintergrund würden alles für uns bezahlen, wir hätten nur eine gewisse Eigeninvestition. Kapital wäre schwierig, dachte ich, aber meine 3000 € würden reichen, sagten sie. Akram hatte in etwa genauso viel.

Nach einigen Wochen hatten wir uns komplett auf den Deal geeinigt, einen Vertrag unterschrieben, und im Anschluss daran nie wieder was von den Typen gehört. Samt unserem Geld.

Natürlich glotzte mich der Anwalt, den ich daraufhin aufsuchte (was für ein Bild: Ein kleines Kind mit einem Vertrag der überhaupt nicht auf seinen eigenen Namen läuft will rechtlichen Beistand), erstmal an wie ein Auto. Er überflog den Vertrag und lachte mich daraufhin aus. Der Vertrag sei nichts wert, wir hätten den Typen das Geld quasi geschenkt. Abgesehen davon überzeugte er mich davon, dass diese Mistkerle wahrscheinlich auch noch falsche Namen genutzt hatten.

Egal wie, mein Geld war ich los. Ich raufte mir die Haare aus, ich stürzte mich auf Akram und wollte ihn verprügeln (mein Pech, dass er ungefähr 4 Meter groß war und mich im Prinzip mit dem kleinen Finger abhalten konnte), ich weinte nächtelang ob meiner Dummheit und wurde nur noch depressiver, apathischer, unsozialer. Ich arbeitete noch härter, wenn das irgendwie möglich war, um meinen Fehler gutzumachen, aber ich musste bei Null anfangen.

Auf Akram konnte ich nicht lange böse sein, er war ein gutherziger, wenn auch etwas dummer Mensch, den man nicht verantwortlich machen konnte für Fehler, die man selbst begann. Aber ich wurde umso mehr ein Eigenbrötler, der dem großen, dunkelhaarigen Typen beim Mittagessen von seinen Weibergeschichten zuhörte. Akram schien sich generell nichts aus der Affäre zu machen- für ihn war es eben ein Missgeschick. Das Geld weg, nun ja, konnte passieren. Er arbeitete einfach weiter. Ich wünschte mir oftmals, so zu sein, wie er. Sorglos und unbeschwert.

Bis ich merkte, dass Akram’s Leben gar nicht so unbeschwert war.