Archiv der Kategorie: Der Anfang vom Ende

Die ultimative Finanzkrise

Nachdem ich also rausgefunden hatte, dass mein Leben von äußeren Umständen – wohlbekannt als „Geld“ – zerstört wurde, fing ich an, mich in die Arbeit zu stürzen. Ich arbeitete, arbeitete, und arbeitete. In kürzester Zeit hatte ich die ersten Telefonbücher durch- wechselte jeden Ort, lernte es, die Leute mit „Spendenaktionen“ zu bezirzen. Immer mehr „Programme“ fielen mir ein, die den Leuten weismachten, sie würden für einen guten Zweck Geld bezahlen. Jede Adresse schrieb ich mir sorgfältig auf, und jeder Adresse schickte ich einen sorgfältig aufgesetzten Brief zu- Danke für Ihre Spende.

Diejenigen, die nicht zu Hause waren, durften sich über ein geschenktes Lottoabo freuen, für das andere bezahlten, denn ich brauchte ja Adressen zum weitergeben. Meine rhetorischen Fähigkeiten wurden immer besser, ich schloß die Verträge immer schneller, aber ich langweilte mich nicht. Ich war völlig konzentriert und konnte mir keine Ablenkung leisten, da ich in jeder Minute an meine kleine Schwester denken musste, und an ihr Schicksal.

So gingen Wochen ins Land. Meine ehemaligen Schulfreunde ruften anfangs noch zu Hause an, aber irgendwann begann ich, sie mit Verachtung zu strafen. Ich sah mein naives Selbst von vor sechs Wochen in ihnen, und hatte keine Lust, mich damit auseinanderzusetzen.

Akram, mein protzender Freund auf der Arbeit, begnügte sich mit einem „nichts“, auf die Frage, was denn mit mir los sei. Es war ihm egal- so lange er mir weiterhin von seinen glorreichen Frauenfeldzügen erzählen konnte, war seine Welt in Ordnung. Er kiffte die meiste Zeit- wenn er nicht gerade irgendwelche A3 Kopierer reparieren musste, oder seinen nackten Hintern kopierte. Wäre ich in einer besseren Laune gewesen, hätte ich das wahrscheinlich amüsant gefunden. Auch die Art, wie er mit Frau Kork flirtete. Abartig, aber er schien sich sehr zu vergnügen, obwohl es offensichtlich war, dass er das nur machte, um weiterhin den Bonus abzubekommen: frischen Kaffee (von dem übrigens auch ich profitierte), kein Gemecker wenn man zu früh nach Hause ging (was bei mir niemals vorkam) und ein generelles In-Ruhe-Gelassen-Werden, während andere die ganze Zeit von der alten Schachtel belagert wurden.

So vergingen die ersten paar Wochen. Wenn ich mein Gehalt bekam, packte ich die Hälfte davon in einen Briefumschlag und steckte ihn meiner Mutter in die Handtasche. Sie wusste wahrscheinlich, dass er von mir war – von wem sonst – aber wenn ich sie sah oder mit ihr redete tat ich so, als würde ich immer noch zur Schule gehen und danach fleißig mit meinen Freunden Hausaufgaben erledigen und dann noch zwei bis drei Stunden bei der Arbeit verbringen.

Mein Leben war herrlich monoton, die Tage verfolgen nur so, während ich mein System perfektionierte. Dabei lernte ich immer mehr Methoden kennen, wie man Leute verarschte. Es hatte nichts mit einer bösen Ader zu tun- ich wollte eben Geld verdienen, und kein vernünftiger Mensch spielte Lotto für solche Preise, ohne etwas zu gewinnen.

Ich war mit Sicherheit nicht glücklich in dieser Zeit, aber ich war gedankenlos, und bemerkte die Leichen in diesem Laden kaum noch, roch nicht mehr den ätzenden Gestank um mich herum, hatte Geldscheine in den Ohren und die Örtlichen auf dem Schoß- ich war der Frank W. Abagnale Jr. des Call Centers.

Bis ich mein bis dahin gespartes Geld – bestimmt 3000 € – durch eine dumme Entscheidung verlor.

Todesfalle

Die Arbeit wurde mit jedem kleinen Erfolg erträglicher, weil ich mir die Hackgesichter der Kollegen nicht zumuten musste. Akram war auch eine Entlastung, aber für einen Sommerjob konnte ich mich prinzipiell sowieso nicht beschweren. Ich hatte noch drei oder vier Tage, bis mein Vertrag ablief. Frau Kork, die Personalleiterin, versuchte immer wieder mich zu einer Vertragsverlängerung zu überreden, weil ich es ja irgendwie schaffte, tatsächlich Geld in die Bude zu bringen. Aber das konnte die sich sparen- ich wollte diesen Sommer wie einen Albtraum von mir abschütteln und freute mich auf meine Freunde, die Schule und endlich wieder Kind sein.

Als ich am vorletzten Tag total fertig nach Hause kam – wieder einen Bonus in der Tasche, weil ich meinen eigenen Tagesrekord an verkauften Lottoscheinen gebrochen hatte – erwartete mich etwas, auf gut Deutsch gesagt, beschissenes. Wie immer waren Mutter und Stiefvater am großen Esstisch in der kleinen Wohnung, und grübelten über Bilanzen, Finanzen, Furz. Ich hatte keine Ahnung davon, wusste aber, dass es nicht optimal lief. Sie hatten sich Selbstständig gemacht und Dienstleistungen für Arbeitslose angeboten. Das Problem dahinter war, glaube ich, die Tatsache dass Arbeitslose kein Geld hatten für Dienstleistungen, aber vielleicht hatte ich da auch was anderes verstanden. Meine kleine Schwester schlief schon in ihrem Bett, dass im Wohnzimmer stand, und ich wollte eigentlich nur in meine kleine Abstellkammer, bevor das Gejammer wegen meiner Arbeitszeiten wieder anfing.

Als ich kurze Zeit später nochmal zur Küche schlappte, um mir eine Flasche Wasser zu holen, fiel mir auf, dass meine kleine Schwester tatsächlich nicht in ihrem Bett lag. Vorsichtig betrat ich das Wohnzimmer.

„Wo ist die Kleine?“, fragte ich die Eltern. Meine Mutter war in Tränen, mein Stiefvater hatten den Arm um ihren Hals gelegt und sah aus, als würde er gleich tot umfallen. Meine Mutter schaute hoch- ich werde diesen Blick wohl niemals vergessen. Er jagte mir einen Schrecken ein, und mein erster Gedanke war, „das ist es wohl, wenn in Horrorfilmen jemand voll abdreht“. Ihre Augen waren leer und kalt und so… desillusioniert, da war nicht mehr die Wärme, die mich als Kind begleitete, nicht mehr das Positive, da war sprichwörtlich gar nichts.

„Sie werden sie uns wegnehmen.“

Meine kleine Schwester wurde im Kindergarten wohl als Missbrauchsfall gemeldet. Im Laufe der Zeit konnten wir das zwar aufklären – sie war leicht unterernährt, weil sich die Eltern nichts mehr leisten konnten; ich hatte das nicht gewusst. Ich hätte ihnen etwas von meinem Verdienst leihen können! Aber das haben sie mir gegenüber nie erwähnt, dass es so schlecht um sie stand. Sie hatten kein Wort gesagt, und ich, ich hatte nur an den Führerschein gedacht. Sie hätten es mir auch gar nicht erzählen können- ich war ja nie da.

Ich will das hier nicht zu einer depremierten Nacherzählung des Untergangs meiner Familie machen, damit hatte ich genug zu kämpfen. Aber irgendwas an dieser Nachricht gab mir den Hass und die Wut auf die Welt, die ich bis heute noch praktisch und leicht auszupacken in mir verstaue. Meine Schwester wurde am nächsten Tag abgeholt, und mir und meinen Eltern wurde es alle zwei Wochen Sonntags erlaubt, sie zu besuchen. Meine Mutter wurde schwer krank, mein Stiefvater – wie alle meine Stiefväter zuvor- fing an zu saufen wie ein Loch. Mein zu Hause war zerstört, und das Geld war schuld.

In dieser Nacht beschloss ich, ich würde meine Familie ab sofort ernähren. Ich ging am nächsten Tag in den Höllenbunker und verlängerte meinen Vertrag. An der Schule meldete ich mich ab- ich hatte keine Zeit und keine Lust auf Bildung.

So fing es also an, meine Festanstellung in diesem Drecksladen. Ich bereue bis heute, wie das alles gelaufen ist, aber ich wurde besser in dem, was ich tat, und ich wurde erfolgreicher. Diese Geschichte möchte ich endlich hier erzählen- nicht, damit niemand den selben Fehler macht. Sondern weil es einfach nichts mehr in meinem Leben gibt, von dem ich sonst erzählen könnte.

Spendenaktionen

Meine Lügerei war erfolgreich. Die Rentner und Mittelständigen dachten, sie würden etwas Gutes tun und spendeten frohen Mutes für meine erdachten Spendenaktionen. Doch nach einigen Tagen gingen die ersten Stornos ein: Die Leute, die die Lottoscheine erwarben, bekamen nämlich eine Bestätigung auf dem Postweg. Das heisst, sie fanden letztendlich doch raus, worum es ging. Nicht alle stornierten, aber es waren genug, um die Finanzabteilung skeptisch zu stimmen. Wegen der Prämie pro Abschluss war auch mein Name immer angezeigt. Ich musste mir also ein neues System ausdenken.

Ich begann damit, dass ich die Adressen der Leute nicht mehr weitergab, sondern mir ausdachte. Die Briefe würden zwar zurückkommen – Empfänger unbekannt – aber immerhin wurde nichts storniert. Die Firma war bedenkenlos genug, um sich nicht darum zu kümmern.

Da ein Spender meistens auch eine Bestätigung – oder ein Dankesschreiben – erwartete, setzte ich meine eigenen Briefe auf. Die Mühe war es mir wert, immerhin hatte ich nur noch 2 Wochen, um gutes Geld zu verdienen und dann abzuhauen. Die Schule würde bald wieder anfangen und dann blieb mir nicht mehr so viel Gelegenheit, einem Nebenjob nachzugehen. Schon gar nicht diesem schrecklichen.

Ich schickte die Briefe mit Hilfe von Akram raus, der in den Büros ein- und ausging, um irgendwelche Reperaturen zu machen. Er klaute Briefmarken aus den Schreibtischen, wir verschickten die Briefe, und er bekam dafür jeden Abend von mir etwas zu essen oder zu trinken ausgegeben.

Es war ein ausgeklügeltes System, und ich fühlte mich besessen von der Idee, noch mehr rauszuholen. Ich telefonierte wie ein Irrer, verbrachte die meiste Zeit in dem Laden, manchmal sogar  von 8 Uhr morgens bis 9 Uhr abends, so lange, wie die Geschäftszeiten waren. Der Gestank fiel mir kaum noch auf, die Leute konnte ich aus meiner Sicht ausschließen. Frau Kork nervte die anderen- ich war der Superheld des Ladens, brachte jeden Tag mindestens 20 Abschlüsse zustande, schlief kaum noch, weil ich mir immer bessere System ausdenken wollte. Ich sah meine Eltern kaum noch. Ich wurde zu einem Zombie, und egal, wie sehr ich den Bunker hasste, ich brauchte das Geld.

Ich wollte das Geld.

Mir war alles egal.

Lottozahlen

Das Anrufen war eine Qual, vor allem, weil ich nie zum Abschluss kam. Es war schon schwierig genug, die Leute nach 8 Sekunden noch am Telefon zu halten, aber sie auch zum Kauf zu bringen war eine ganz andere Problematik. Manche waren so fair und legten direkt auf, wenn sie genau wussten, ob sie etwas kaufen wollten oder nicht- andere ließen mich stundenlang reden und wollten am Ende doch nicht. Es war ätzend.

Ich telefonierte, Akram reparierte. Es gab gar nicht so viel zu reparieren, aber er wollte Frau Kork aus dem Weg gehen. Dafür hatte ich sie an der Backe kleben- diese hässliche, alte Frau. Ihre Haut hing so ausgeleiert von ihrem Gesicht, dass sie wahrscheinlich sogar ohne Fallschirm einen guten Base Jump hingelegt hätte.  Sie hing mir über der Schulter um darauf zu achten, wie ich telefonierte. Es war nämlich Vorraussetzung, ein paar Abschlüsse zu machen, wenn man nicht gefeuert werden wollte. Im Prinzip wäre es mir auch egal gewesen, aber ich wollte nicht nach Hause gehen ohne genug Geld verdient zu haben. Immerhin hatte ich Pläne, und Aufgeben war keine Option.

Jedenfalls durfte ich sie die meiste Zeit des Tages ertragen. Leider hatten ihre Schulungsmaßnahmen kaum Erfolg, weil sie mir beim Telefonieren ständig ins Ohr gröhlte, was ich sagen soll. Das sah ungefähr so aus:

„Hallo Herr Müller, mein Name ist..“

„DAS HEISST „GUTEN TAG DU KLEINER ROTZEBENGEL!!..“

… meine Multitaskingfähigkeiten wurden in dieser Zeit leider nicht besonderes gefördert. Das ging ein paar Tage so, bis ich einfach das tat, was Akram mir empfiehl, der mit einem Zahnstocher im Mund im Hausflur saß und mal ein bisschen „Pause machte“, was er eigentlich den ganzen Tag machte.

„Alter, du musst dich mal locker machen. Erzähl den Leuten doch einfach irgendwas anderes!“

„Wie, was anderes?“

„Naja, erzähl ihnen, dass du.. Spenden sammelst oder was auch immer.. ist doch scheiss egal.“

Meine Skrupel waren groß. Ich dachte, es würde auch so gehen, ohne zu Lügen. Aber nach noch einigen Tagen mit Frau Kork im Nacken hatte ich die Schnauze voll. Eines Morgens stampfte ich an meinen Platz, nahm das Telefon und säuselte den Leuten irgendwas ins Ohr. An diesem Tag hatte ich 12 Abschlüsse. Zwölf Leute, die Lottoscheine gekauft hatten, ohne es zu wissen. Es war das Optimum. Frau Kork erfuhr dies natürlich, als das Geld ein paar Tage später auf das Firmenkonto einging. Ich wurde zum Held der Woche gekürt, ein Preis, der nur wegen mir eingeführt wurde, denn der Durchschnitt an Abschlüssen lag pro Telefonierer bei 4 pro Tag.

Akram wusste bescheid, ich hatte ein mega schlechtes Gewissen, und konnte mich nur damit aufheitern, dass ich in weniger als einer Woche hier raus wäre. Aber wenigstens hatte ich so lange einen Job, und gutes Geld, plus Provision. Mir ging es gut – trotz der schrecklichen Menschen, die mich umgaben.

Akram

Hätte ich Akram unter anderen Umständen kennen gelernt, wären wir wahrscheinlich niemals in Kontakt zueinander getreten. Aber im Todesbunker musste man sich mit dem zufrieden geben, was angeboten wurde- und das war nicht viel. Im Vergleich zu den anderen war Akram ein Engel, der mir erschienen ist, damit ich meinen Suizid um jeden Tag noch einmal aufschiebe.

Aber ich war arrogant. Akram war Türke, und ich hatte nie etwas mit Türken zu tun gehabt. Meine Freunde bestanden alle aus Bleichgesichtern mit Brille und Zukunft, auf dem Weg in der gymnasiale Oberstufe. Wir wussten nur, das Türken arbeitslos waren, stanken, in die Hauptschule gingen, ihre Frauen schlugen und später als Säufer unter S-Bahn-Brücken landeten. Akram machte leider auch keinen besseren Eindruck als meine Vorurteile mir diktierten. Ob er stank, weiß ich allerdings nicht, der Geruch im ganzen Gebäude stand in einem dominierenden Verhältnis zu jedem noch so guten Riechsinn.

Akram sah gut aus, glaube ich. Als Mann will man sowas nicht einschätzen. Aber alle Frauen im Laden mochten ihn sehr, auch wenn er ungebildet war, und nur Hauptschule gemacht hatte, und Lumpen anzog- viel zu große Klamotten. Seine Haare waren fettig und er war nie richtig gut rasiert. Überhaupt, dieser Typ war nur einige Jahre, und während ich jede einzelne Stoppel mit einem Altar beehrte, war Akram der behaarteste Jugendliche, den ich je kennen gelernt hatte.

Akram reparierte die meiste Zeit die Telefonanlagen, ohne sie wirklich zu reparieren. Er tat lediglich nur so, um nicht die Aufmerksamkeit von Frau Kork auf sich zu ziehen, die ihn gerne mit ihren langen Fingernägel betatschte, und sich immer extra stark mit Parfüm eindeckte, wenn Akram in der Nähe war. So hatte ich jedenfalls das Gefühl.

Doch egal, wie sehr ich zögerte, mich mit Akram anzufreunden (von Freundschaft kann erstmal gar keine Rede gewesen sein; wir aßen lediglich unsere Brote zusammen im Hausflur, wo es kühler war als in der tropischen Hochsommerhitze draußen, und besser auszuhalten als im Gestank des Betriebes), irgendwann sehnte ich mich in den Schichten (8 Stunden) nach ein bisschen menschlicher Kommunikation. Das Telefonieren konnte man nicht als menschlich ansehen, die Omas und Opas, die meistens antworteten, hatten es sich zum Lebensziel gemacht, zu nörgeln und zu schreien, sobald man was von Lotto erwähnte.

Akram erzählte immer sehr viel Müll. Davon, wie viele Weiber er abschleppte, dass er mit Drogen handelt und deshalb schon mal im Jugendknast saß und dass für einen Kumpel mal eine Kugel gefangen hätte. Am Anfang hatte ich ein bisschen Mitleid, weil ich dachte, dass er bestimmt aus einer schlimmen Familie kam, und deshalb so ein notorischer Lügner war. Irgendwann ist mir dann aufgefallen, dass meine Kindheit auch nicht die schönste war- Vater tot mir 3 Jahren, ich im Krankenhaus mit zehntausend Lungenentzündungen, Mutter musste sich prostituieren, bis sie dann endlich heiratete, Stiefvater war ein Arschloch und Säufer, sie ließ sich scheiden, hat endlich ein bisschen Arbeit gefunden, neu geheiratet, haben sich Selbstständig gemacht, und jetzt waren sie am Pleite machen.

Eigentlich hatte es Akram viel, viel besser als ich. Aber ich war jung- ich sah nur, dass er Türke war, und später mal als Asozialer enden würde, während ich erfolgreich mit meinem BMW an seinem Randviertel vorbeidüsen würde. Oh, was freute ich mich auf den BMW, und was freute ich mich darauf, nicht mehr von komischen Menschen umgeben zu sein, sondern auf eine neue Schule zu gehen, mit coolen Leuten, die gebildet waren. Noch 3 Wochen sollten es sein.

Kollegen

Meine Kollegen kamen aus jeder Ecke der Welt. Manche konnten kaum Deutsch reden, was für diesen Job auch keine Vorraussetzung war- ich durfte nämlich schnell feststellen, dass die Angerufenen innerhalb der ersten 8 Sekunden wieder auflegten. Das lag daran, dass nach 5 Sekunden schon das Wort „Lottoschein“ fiel.

„Hallo, mein Name ist Hans Schmidt, hätten Sie interesse an Lottoscheinen mit einer fast hundertpro..“ Das war’s. Ich sagte diesen Satz ungefähr eine Millionen mal am Tag. Manchmal, wenn ich nachts nach Hause kam und das Telefon klingelte, ging ich mit diesem Satz auch ran. Es war beklemmend, es war beängstigend. Und es war unmöglich, etwas zu verkaufen.

Die Firma war ein einziges Loch. Es stank gewaltig und die 40 Grad ohne Klimaanlage machten es nicht besser. Wir saßen zusammengekrümmt an Sperrmüllschreibtischen. Manche meiner Kollegen hatten sogar noch Drehscheibentelefone. Diese Kollegen sahen auch genauso alt aus wie die Telefone- alt, heruntergekommen, fahl im Gesicht. Graue Haare. Sie waren leblose Lottohüllen, mit gekrümmten Rücken saßen sie an ihren Tischen und drehten kraftlos an den Telefonen. Die Firma konnte sich keine neuen Telefonbücher leisten, weshalb wir die meiste Zeit mit Verstorbenen reden wollten. Es war nicht schlimm- wir saßen mit ihnen in der Hölle.

Direkt neben mir saß Antje. Sie war ungefähr 30 Jahre alt und hatte zitternde Hände. Wenigstens musste sie die Telefonnummern nicht wählen, ich glaube, ich wäre durchgedreht. Sie ließ auch so alles fallen- Stifte, den Telefonhörer. Sie hatte die Angewohnheit, nach jedem 3. Wort seltsame Zischgeräusche von sich zu geben- als müsste sie sich vor dem Sabbern aufhalten. Ich weiß nicht, wer oder was sie zu dem gemacht hatte, aber Antje kennen zu lernen war in etwa wie eine ausgestorbene, völlig apathische und doch abartige Kreatur auf dem Meeresgrund zu finden, die man fasziniert und angeekelt beobachten muss- man wusste, es war nicht ihre Schuld, dass sie so ist, aber es linderte nicht meine Abneigung.

Rechts neben mir saß ein Afrikaner, der aussah, als wäre er 12 Jahre alt. Er sprach kaum Deutsch und verkaufte auch nichts. Nach einigen Tagen war er nicht mehr da, und der Platz blieb eine ganze Weile leer. Ich habe nie mit ihm geredet und ehrlich gesagt habe ich mich nie für ihn interessiert, aber in langweiligen Momenten machte ich mir einen Spaß draus, die Schweißtropfen auf seiner Stirn beim rennen zu beobachten und mit mir selbst Wetten abzuschließen, welche wohl als erstes in sein Auge laufen würde.

Wir durften pro Stunde 5 Minuten Pause einlegen- entweder jede Stunde, oder nach einigen Stunden alle Minuten zusammengerechnet, die wir uns verdient hatten. Ich ging meistens aus dem Haus zu dem Fast Food Laden gegenüber, um auf Toilette zu gehen. Im Haus selbst sahen die Toiletten aus wie auf einem Bahnhof- nur noch schlimmer. Manchmal sah ich jemanden tatsächlich diese stinkenden Kammern aufsuchen, und musste mich immer wieder von Würgereizen schütteln, bei der Vorstellung–

Wenn ich nicht auf Toilette musste, lungerte ich mit einer Stulle im Hausflur herum. Dort war es kühl. Nach zwei Wochen, in dem ich nicht ein Wort mit irgendwem in der Firma gewechselt hatte, sprach mich Akram an. Er war der neue Techniker, gerade aus der Ausbildung raus (später fand ich heraus, dass er die Ausbildung abgebrochen hatte, schon nach einem Jahr- für die Chefs des Todesbunker war das wohl Qualifikation genug), türkischstämmig, mein einziger Halt in der Firma. Er war halbwegs normal, auch wenn er seltsame Dinge sagte (wenn ich ihn fragte, ob er was essen will, antwortete er immer „Nein danke, ich muss noch fahren!“). Und ich bemitleidete ihn- denn er musste hier sein Geld für die nächsten Monate verdienen- ich würde bald wieder raus sein, nämlich wenn die Schule anfing.

Dachte ich jedenfalls.

Hallo Welt. Willkommen in der Hölle.

Als ich im Call Center angefangen habe, war ich 16. Es war ein Nebenjob wie jeder andere Nebenjob, und sollte mich durch den Sommer bringen. Ich sollte auf die Oberstufe kommen, und mich dann komplett auf die Schule konzentrieren. Um mir für meinen Führerschein schon etwas Geld zu sparen – die Eltern waren kurz vor der Pleite und konnten mich und meine 4-jährige Schwester gerade so ernähren – dachte ich, ich könnte den heißen Sommer mit etwas Arbeit verbringen. Viele meiner Freunde jobbten oder waren im Urlaub, und auf Langweile hatte ich keine Lust.

Ich fing an mit 16. Heute bin ich 26. Und arbeite immer noch im Todesbunker.

Mein erster Tag war, wenn man ihn mit den nächsten 10 Jahren vergleicht, der beste Tag meines Lebens. Ich war motiviert und glücklich, so schnell einen Job gefunden zu haben, der recht bequem war. Andere mussten im Kaufhaus schwere Sachen schleppen, stundenlang, für einen Hungerlohn. Ich bekam damals 9 Mark die Stunde. Ein Himmel.

Das Büro war eigentlich kein Büro, sondern eine abgeranzte Wohnung in einem alten Mehrfamilienhaus. Im ersten Stock war der Eingang, der Personalleiter, der Chef, die Sekretärin und zwei andere Leute, deren Funktion ich nie wirklich ermittelt habe. Sie wechselten im Laufe der Zeit. Vielleicht waren es auch nur einfache Angestellte, die sich die Chefetage mit den Göttern teilen durften.

Als ich diese Etage das erste Mal betrat, war ich noch positiv eingestellt. Es lag zwar ein dunkelgrauer Teppich auf dem Boden, auf dem Jesus wahrscheinlich schon gelaufen ist, und die Wände sahen aus, als gehörten sie nach außen, nicht nach innen- aber immerhin saßen ein paar nett angezogene Leute da, die Empfangsdame war relativ nett und mir wurde zum ersten Gespräch eine Cola angeboten.

Die Personalleitern, Frau Kork. Frau Kork war… eigentlich keine Frau. Und ich meine damit nicht, dass sie ein Mann war, sondern dass sie kein Mensch war. Ich möchte mich davon zurückhalten, viele Fäkalausdrücke zu benutzen, aber wenn ich ehrlich sein soll, war mein erster Gedanke, dass Frau Kork aussah wie das Arschloch eines Pitbulls. Zu meinem Unglück roch sie auch so, und außerdem dachte ich, dass sie mich gleich auffressen würde. Sie hatte ein aufgequollenes Gesicht, völlig überschminkt und mit Maske zugeklatscht. Ihre Stimme war schrill, und ihre Parfümwolke konnte einen auf tausend Meter Abstand schon zu Boden ringen. Sie hatte knallroten Lippenstift und blonde, fettige Haare. Frau Kork war auch mindestens eine Millionen Jahre alt. Ich hasste sie, noch bevor sie mich einwies.

Auf der zweiten Etage passte das Bild auch wieder viel besser zu Frau Kork. Der Teppich wurde noch grauer;  es stank gewaltig. Das lag vermutlich daran, dass die Leute die Hundescheisse, die an ihren Schuhen geklebt hatte (man musste, um das Gebäude zu erreichen, durch einen Hundepark), einfach an den Schreibtischen abkratzten.

Es war abartig. Ich nahm also tief Luft und ließ Frau Kork erzählen. Hochsommer. Der Schweiß rann mir von der Stirn, während die Frau redete und redete und redete und redete und redete und redete und gar nicht mehr aufhören wollte. Mein Job war einfach: Ich saß mit einem Telefon in der Hand am Schreibtisch, auf dem eine aktuelle Ausgabe der örtlichen gelben Seiten lag. Ich musste beim ersten Namen anfangen, und mich bis zum letzten durchtelefonieren. Und Leute fragen, ob sie Lottoscheine bekommen wollten. Ich bekam einen festen Stundensatz, konnte aber gefeuert werden, wenn ich nicht mindestens 10 Abschlüsse am Tag vorweisen konnte.

Als Jungspund war ich engagiert. Ich wusste, ich konnte das. Doch der ‚Todesbunker brach jegliche Charakterstärke, die ich bis dahin vorweisen konnte. Ich schreibe das nicht, weil ich mich Selbsttherapieren will. Nein. Dies soll einzig den Werdegang eines kaputten Menschen dokumentieren.

Meine Hände zittern, während ich das tippe- während ich daran denke, wie die Qualen anfingen. Deshalb höre ich jetzt auf. Und hoffe, einen weiteren Tag überlebt zu haben.