Kollegen

Meine Kollegen kamen aus jeder Ecke der Welt. Manche konnten kaum Deutsch reden, was für diesen Job auch keine Vorraussetzung war- ich durfte nämlich schnell feststellen, dass die Angerufenen innerhalb der ersten 8 Sekunden wieder auflegten. Das lag daran, dass nach 5 Sekunden schon das Wort „Lottoschein“ fiel.

„Hallo, mein Name ist Hans Schmidt, hätten Sie interesse an Lottoscheinen mit einer fast hundertpro..“ Das war’s. Ich sagte diesen Satz ungefähr eine Millionen mal am Tag. Manchmal, wenn ich nachts nach Hause kam und das Telefon klingelte, ging ich mit diesem Satz auch ran. Es war beklemmend, es war beängstigend. Und es war unmöglich, etwas zu verkaufen.

Die Firma war ein einziges Loch. Es stank gewaltig und die 40 Grad ohne Klimaanlage machten es nicht besser. Wir saßen zusammengekrümmt an Sperrmüllschreibtischen. Manche meiner Kollegen hatten sogar noch Drehscheibentelefone. Diese Kollegen sahen auch genauso alt aus wie die Telefone- alt, heruntergekommen, fahl im Gesicht. Graue Haare. Sie waren leblose Lottohüllen, mit gekrümmten Rücken saßen sie an ihren Tischen und drehten kraftlos an den Telefonen. Die Firma konnte sich keine neuen Telefonbücher leisten, weshalb wir die meiste Zeit mit Verstorbenen reden wollten. Es war nicht schlimm- wir saßen mit ihnen in der Hölle.

Direkt neben mir saß Antje. Sie war ungefähr 30 Jahre alt und hatte zitternde Hände. Wenigstens musste sie die Telefonnummern nicht wählen, ich glaube, ich wäre durchgedreht. Sie ließ auch so alles fallen- Stifte, den Telefonhörer. Sie hatte die Angewohnheit, nach jedem 3. Wort seltsame Zischgeräusche von sich zu geben- als müsste sie sich vor dem Sabbern aufhalten. Ich weiß nicht, wer oder was sie zu dem gemacht hatte, aber Antje kennen zu lernen war in etwa wie eine ausgestorbene, völlig apathische und doch abartige Kreatur auf dem Meeresgrund zu finden, die man fasziniert und angeekelt beobachten muss- man wusste, es war nicht ihre Schuld, dass sie so ist, aber es linderte nicht meine Abneigung.

Rechts neben mir saß ein Afrikaner, der aussah, als wäre er 12 Jahre alt. Er sprach kaum Deutsch und verkaufte auch nichts. Nach einigen Tagen war er nicht mehr da, und der Platz blieb eine ganze Weile leer. Ich habe nie mit ihm geredet und ehrlich gesagt habe ich mich nie für ihn interessiert, aber in langweiligen Momenten machte ich mir einen Spaß draus, die Schweißtropfen auf seiner Stirn beim rennen zu beobachten und mit mir selbst Wetten abzuschließen, welche wohl als erstes in sein Auge laufen würde.

Wir durften pro Stunde 5 Minuten Pause einlegen- entweder jede Stunde, oder nach einigen Stunden alle Minuten zusammengerechnet, die wir uns verdient hatten. Ich ging meistens aus dem Haus zu dem Fast Food Laden gegenüber, um auf Toilette zu gehen. Im Haus selbst sahen die Toiletten aus wie auf einem Bahnhof- nur noch schlimmer. Manchmal sah ich jemanden tatsächlich diese stinkenden Kammern aufsuchen, und musste mich immer wieder von Würgereizen schütteln, bei der Vorstellung–

Wenn ich nicht auf Toilette musste, lungerte ich mit einer Stulle im Hausflur herum. Dort war es kühl. Nach zwei Wochen, in dem ich nicht ein Wort mit irgendwem in der Firma gewechselt hatte, sprach mich Akram an. Er war der neue Techniker, gerade aus der Ausbildung raus (später fand ich heraus, dass er die Ausbildung abgebrochen hatte, schon nach einem Jahr- für die Chefs des Todesbunker war das wohl Qualifikation genug), türkischstämmig, mein einziger Halt in der Firma. Er war halbwegs normal, auch wenn er seltsame Dinge sagte (wenn ich ihn fragte, ob er was essen will, antwortete er immer „Nein danke, ich muss noch fahren!“). Und ich bemitleidete ihn- denn er musste hier sein Geld für die nächsten Monate verdienen- ich würde bald wieder raus sein, nämlich wenn die Schule anfing.

Dachte ich jedenfalls.

Hallo Welt. Willkommen in der Hölle.

Als ich im Call Center angefangen habe, war ich 16. Es war ein Nebenjob wie jeder andere Nebenjob, und sollte mich durch den Sommer bringen. Ich sollte auf die Oberstufe kommen, und mich dann komplett auf die Schule konzentrieren. Um mir für meinen Führerschein schon etwas Geld zu sparen – die Eltern waren kurz vor der Pleite und konnten mich und meine 4-jährige Schwester gerade so ernähren – dachte ich, ich könnte den heißen Sommer mit etwas Arbeit verbringen. Viele meiner Freunde jobbten oder waren im Urlaub, und auf Langweile hatte ich keine Lust.

Ich fing an mit 16. Heute bin ich 26. Und arbeite immer noch im Todesbunker.

Mein erster Tag war, wenn man ihn mit den nächsten 10 Jahren vergleicht, der beste Tag meines Lebens. Ich war motiviert und glücklich, so schnell einen Job gefunden zu haben, der recht bequem war. Andere mussten im Kaufhaus schwere Sachen schleppen, stundenlang, für einen Hungerlohn. Ich bekam damals 9 Mark die Stunde. Ein Himmel.

Das Büro war eigentlich kein Büro, sondern eine abgeranzte Wohnung in einem alten Mehrfamilienhaus. Im ersten Stock war der Eingang, der Personalleiter, der Chef, die Sekretärin und zwei andere Leute, deren Funktion ich nie wirklich ermittelt habe. Sie wechselten im Laufe der Zeit. Vielleicht waren es auch nur einfache Angestellte, die sich die Chefetage mit den Göttern teilen durften.

Als ich diese Etage das erste Mal betrat, war ich noch positiv eingestellt. Es lag zwar ein dunkelgrauer Teppich auf dem Boden, auf dem Jesus wahrscheinlich schon gelaufen ist, und die Wände sahen aus, als gehörten sie nach außen, nicht nach innen- aber immerhin saßen ein paar nett angezogene Leute da, die Empfangsdame war relativ nett und mir wurde zum ersten Gespräch eine Cola angeboten.

Die Personalleitern, Frau Kork. Frau Kork war… eigentlich keine Frau. Und ich meine damit nicht, dass sie ein Mann war, sondern dass sie kein Mensch war. Ich möchte mich davon zurückhalten, viele Fäkalausdrücke zu benutzen, aber wenn ich ehrlich sein soll, war mein erster Gedanke, dass Frau Kork aussah wie das Arschloch eines Pitbulls. Zu meinem Unglück roch sie auch so, und außerdem dachte ich, dass sie mich gleich auffressen würde. Sie hatte ein aufgequollenes Gesicht, völlig überschminkt und mit Maske zugeklatscht. Ihre Stimme war schrill, und ihre Parfümwolke konnte einen auf tausend Meter Abstand schon zu Boden ringen. Sie hatte knallroten Lippenstift und blonde, fettige Haare. Frau Kork war auch mindestens eine Millionen Jahre alt. Ich hasste sie, noch bevor sie mich einwies.

Auf der zweiten Etage passte das Bild auch wieder viel besser zu Frau Kork. Der Teppich wurde noch grauer;  es stank gewaltig. Das lag vermutlich daran, dass die Leute die Hundescheisse, die an ihren Schuhen geklebt hatte (man musste, um das Gebäude zu erreichen, durch einen Hundepark), einfach an den Schreibtischen abkratzten.

Es war abartig. Ich nahm also tief Luft und ließ Frau Kork erzählen. Hochsommer. Der Schweiß rann mir von der Stirn, während die Frau redete und redete und redete und redete und redete und redete und gar nicht mehr aufhören wollte. Mein Job war einfach: Ich saß mit einem Telefon in der Hand am Schreibtisch, auf dem eine aktuelle Ausgabe der örtlichen gelben Seiten lag. Ich musste beim ersten Namen anfangen, und mich bis zum letzten durchtelefonieren. Und Leute fragen, ob sie Lottoscheine bekommen wollten. Ich bekam einen festen Stundensatz, konnte aber gefeuert werden, wenn ich nicht mindestens 10 Abschlüsse am Tag vorweisen konnte.

Als Jungspund war ich engagiert. Ich wusste, ich konnte das. Doch der ‚Todesbunker brach jegliche Charakterstärke, die ich bis dahin vorweisen konnte. Ich schreibe das nicht, weil ich mich Selbsttherapieren will. Nein. Dies soll einzig den Werdegang eines kaputten Menschen dokumentieren.

Meine Hände zittern, während ich das tippe- während ich daran denke, wie die Qualen anfingen. Deshalb höre ich jetzt auf. Und hoffe, einen weiteren Tag überlebt zu haben.