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Die ultimative Finanzkrise

Nachdem ich also rausgefunden hatte, dass mein Leben von äußeren Umständen – wohlbekannt als „Geld“ – zerstört wurde, fing ich an, mich in die Arbeit zu stürzen. Ich arbeitete, arbeitete, und arbeitete. In kürzester Zeit hatte ich die ersten Telefonbücher durch- wechselte jeden Ort, lernte es, die Leute mit „Spendenaktionen“ zu bezirzen. Immer mehr „Programme“ fielen mir ein, die den Leuten weismachten, sie würden für einen guten Zweck Geld bezahlen. Jede Adresse schrieb ich mir sorgfältig auf, und jeder Adresse schickte ich einen sorgfältig aufgesetzten Brief zu- Danke für Ihre Spende.

Diejenigen, die nicht zu Hause waren, durften sich über ein geschenktes Lottoabo freuen, für das andere bezahlten, denn ich brauchte ja Adressen zum weitergeben. Meine rhetorischen Fähigkeiten wurden immer besser, ich schloß die Verträge immer schneller, aber ich langweilte mich nicht. Ich war völlig konzentriert und konnte mir keine Ablenkung leisten, da ich in jeder Minute an meine kleine Schwester denken musste, und an ihr Schicksal.

So gingen Wochen ins Land. Meine ehemaligen Schulfreunde ruften anfangs noch zu Hause an, aber irgendwann begann ich, sie mit Verachtung zu strafen. Ich sah mein naives Selbst von vor sechs Wochen in ihnen, und hatte keine Lust, mich damit auseinanderzusetzen.

Akram, mein protzender Freund auf der Arbeit, begnügte sich mit einem „nichts“, auf die Frage, was denn mit mir los sei. Es war ihm egal- so lange er mir weiterhin von seinen glorreichen Frauenfeldzügen erzählen konnte, war seine Welt in Ordnung. Er kiffte die meiste Zeit- wenn er nicht gerade irgendwelche A3 Kopierer reparieren musste, oder seinen nackten Hintern kopierte. Wäre ich in einer besseren Laune gewesen, hätte ich das wahrscheinlich amüsant gefunden. Auch die Art, wie er mit Frau Kork flirtete. Abartig, aber er schien sich sehr zu vergnügen, obwohl es offensichtlich war, dass er das nur machte, um weiterhin den Bonus abzubekommen: frischen Kaffee (von dem übrigens auch ich profitierte), kein Gemecker wenn man zu früh nach Hause ging (was bei mir niemals vorkam) und ein generelles In-Ruhe-Gelassen-Werden, während andere die ganze Zeit von der alten Schachtel belagert wurden.

So vergingen die ersten paar Wochen. Wenn ich mein Gehalt bekam, packte ich die Hälfte davon in einen Briefumschlag und steckte ihn meiner Mutter in die Handtasche. Sie wusste wahrscheinlich, dass er von mir war – von wem sonst – aber wenn ich sie sah oder mit ihr redete tat ich so, als würde ich immer noch zur Schule gehen und danach fleißig mit meinen Freunden Hausaufgaben erledigen und dann noch zwei bis drei Stunden bei der Arbeit verbringen.

Mein Leben war herrlich monoton, die Tage verfolgen nur so, während ich mein System perfektionierte. Dabei lernte ich immer mehr Methoden kennen, wie man Leute verarschte. Es hatte nichts mit einer bösen Ader zu tun- ich wollte eben Geld verdienen, und kein vernünftiger Mensch spielte Lotto für solche Preise, ohne etwas zu gewinnen.

Ich war mit Sicherheit nicht glücklich in dieser Zeit, aber ich war gedankenlos, und bemerkte die Leichen in diesem Laden kaum noch, roch nicht mehr den ätzenden Gestank um mich herum, hatte Geldscheine in den Ohren und die Örtlichen auf dem Schoß- ich war der Frank W. Abagnale Jr. des Call Centers.

Bis ich mein bis dahin gespartes Geld – bestimmt 3000 € – durch eine dumme Entscheidung verlor.

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